Die
Grundlagen der Davis®-Methode
Die Davis-Theorie
entstand auf der Grundlage praktischer Anwendung und lässt
sich wie folgt zusammenfassen:
Alle
Legastheniker denken hauptsächlich in Bildern. Sie benutzen
zum Denken ihre geistige und sinnliche Vorstellungskraft und nicht
so sehr Wörter, Sätze oder inneren Dialog (Selbstgespräche).
Weil all dies unbewusst geschieht und schneller als die eigene Wahrnehmung
abläuft, begreifen die meisten Legastheniker nicht, was sie
eigentlich tun.
Da sie
in Bildern denken und ihre Vorstellungskraft gebrauchen, neigen
sie dazu, weitgespannte logische und verstandesmässige Strategien
einzusetzen. Um die Welt um sich herum zu verstehen, suchen sie
immer nach dem "grossen Zusammenhang". Legastheniker sind
in der Regel sehr kreativ und handwerklich geschickt. Sie sind in
der Lage, tatsächliche Probleme in der realen Welt zu lösen,
haben aber Schwierigkeiten, langen Sätzen zu folgen und etwas
auf der Grundlage einer linearen, Schritt für Schritt erfolgenden
Vorgehensweise zu begreifen. Wenn wir das Bild eines Hundes betrachten,
bewegen wir unsere Augen ja auch nicht gedanklich vom Schwanz zu
den Hinterbeinen und dann zu den Vorderbeinen und zum Kopf, zu den
Ohren und zur Nase, um den Bildinhalt zu erkennen. Normalerweise
erkennen wir etwas dadurch, dass wir ein Objekt oder eine Situation
als Ganzes erfassen.
Weil Legastheniker hauptsächlich in Bildern denken, entwickeln
sie gewöhnlicherweise eine starke Bilderwelt. Sie begreifen
etwas aufgrund von Bildern oder Gefühlen und weniger durch
ein verbales Aufnehmen. Wenn sie der erste Anblick eines Objekts
verwirrt, drehen sie es geistig und betrachten es aus einem anderen
Blickwinkel oder Ausschnitt. Aufgrund dieses Gedankenprozesses entwickeln
sie viele einzigartige Fähigkeiten und Talente.
Diese
Gabe ist jedoch auch die Ursache für ein Problem. Wenn Legastheniker
ihre Orientierung verloren haben, erleben sie ihr eigenes Denken
als Realität. Die meisten Menschen fallen beim Anblick einer
optischen Illusion oder wenn sie einem irreführenden sinnlichen
Impuls ausgesetzt sind – wie zum Beispiel bei Vergnügungsfahrten
in die virtuelle Realität – in einen Zustand der Desorientierung.
Er ist für Legastheniker der Normalzustand, denn Desorientierung
ist ihre natürliche Antwort auf jede verwirrende Information
– genauso wie der Ausgangspunkt für kreatives Problemlösen.
Lust
auf ein Gefühl von Desorientierung? Dann lesen Sie mal:

Falls
Ihnen dies leicht fiel, versuchen Sie es nochmals, diesmal, indem
Sie raschmöglichst die Farben hintereinander sagen.
Legastheniker
haben in der Regel grosse Schwierigkeiten mit nicht-anfassbaren
oder symbolischen Dingen, wie zum Beispiel Buchstaben und Zahlen.
Wenn sie versuchen, Symbole so zu verstehen, als seien sie eine
Maschine oder eine Bedienungsanleitung, werden sie leicht verwirrt.
Das Ergebnis sind die gewohnten Vertauschungen, Auslassungen und
Verdrehungen beim Lesen und Schreiben von Buchstaben und Wörtern.
Die Desorientierung betrifft jedoch nicht nur den visuellen Bereich.
Viele Legastheniker hören auch bestimmte Wörter oder Wortfolgen
nur unvollkommen oder gar nicht. Ihr Zeitgefühl kann beeinträchtigt
sein, und ihre motorische Bewegungskoordination mag unrhythmisch
oder schwerfällig wirken – dies betrifft vor allem Kinder
mit ADS/POS-Schwierigkeiten.
Die Desorientierung
hat eine Kettenreaktion zur Folge. Durch die gestörte Wahrnehmung
kommt es immer wieder zu den gleichen Fehlern, und diese führen
zu emotionalen Reaktionen, zu Frustration und dem Verlust von Selbstwertgefühl.
Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, entwickelt jeder Legastheniker
bestimmte Mechanismen und zwanghafte Verhaltensweisen. Ron Davis
nennt solche Strategien "alte Problemlösungen". Zu
ihnen gehören stures Auswendiglernen, Heruntersingen des Alphabets,
unleserliche Handschrift um falsche Rechtschreibung zu verbergen,
einfallsreiche Ausreden und das Vermeiden von allem, was mit Schule
oder Lesen zu tun hat. Oft gelingt es auch, die Hausaufgaben von
der Mutter machen zu lassen. Diese Strategien können sich schon
im Alter von sechs oder sieben Jahren entwickeln. Ein erwachsener
Legastheniker verfügt über ein ganzes Repertoire solcher
Strategien.
Der wichtigste
Aspekt der Davis-Methode zur Überwindung der Legasthenie liegt
in der Beobachtung, dass ein Klang-Symbol – ein Wort –
dann zur Desorientierung führt und Fehler verursacht, wenn
der Legastheniker kein geistiges Bild mit ihm verbinden kann. Die
Probleme mit dem Lesen, Schreiben und Buchstabieren verschwinden,
wenn wir dem Legastheniker dabei helfen, seine Desorientierung schon
in dem Moment zu überwinden, in dem sie eintritt. Um ihm das
zu ermöglichen, muss er lernen, die Auslöser zu erkennen
und zu beherrschen, die seine Desorientierung hervorrufen. Wenn
ihm das gelingt, verschwinden auch die "alten Problemlösungen".
Da Legastheniker
in Bildern denken und ihr Sehen und Hören sowie ihre Wahrnehmung
von Zeit und Raum oft so gestört sind, dass ein koordiniertes
Gleichgewicht nicht möglich ist, sind zur Überwindung
der Legasthenie zwei Methoden notwendig:
• Eine Methode, um die desorientierte Wahrnehmung zu kontrollieren.
• Eine andere Methode, um die Ursachen der gestörten
Wahrnehmung auszuschalten.
Das
Überwinden der Desorientierung
Zum Glück
lässt sich die Desorientierung sehr leicht stoppen. Legastheniker
müssen nur erkennen, wann sie desorientiert sind, damit sie
in einem solchen Moment ihre eigene Wahrnehmung benutzen können,
um die Desorientierung abzustellen – oder mit anderen Worten:
sich "auszurichten". Dies ist nicht schwerer, als einem
Kind beizubringen, den Atem anzuhalten, um zu tauchen. Es geht lediglich
darum, eine bewusste Kontrolle über die unbewussten Abläufe
in unserem Gehirn zu erlangen.
Im Laufe
der Jahre haben Anwender der Davis-Methode mehrere Techniken zur
bewussten Kontrolle der Desorientierung entwickelt. Die am weitesten
verbreitete und zuverlässigste Methode nennt sich Davis-Orientierungs-Beratung®
und wird ausführlich in dem Buch "Legasthenie als Talentsignal"
beschrieben. Legastheniker lernen bei dieser Methode, ihr "geistiges
Auge" so zu verschieben, dass sie den optimalen Punkt finden,
um ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren. Diese Stelle nennt sich "Orientierungs-Punkt".
Wer Schwierigkeiten hat, sich diesen Punkt bildlich vorzustellen,
kann den gleichen Effekt auch durch die kinesthetische Methode "Ausrichtung
und Feineinstellung" erzielen. Beide Methoden sind auch Teil
der Ausrichtung des Hörens.
Legastheniker
können nur dann Fortschritte machen, wenn sie gelernt haben,
ihre Desorientierung zu überwinden, denn andernfalls werden
sie Buchstaben und Wörter weiterhin falsch wahrnehmen. Wenn
ein Wort manchmal wie "der" und manchmal wie "red"
oder "per" aussieht, besteht wenig Hoffnung, dass sie
ein Wort eindeutig erkennen können. Als Elternteil oder Lehrer
glaubt man vielleicht, der Einzelne habe Schwierigkeiten, sich etwas
zu merken und ermutigt ihn zum Auswendiglernen und zur Wiederholung.
Der Legastheniker wird dadurch verwirrt und ist frustriert, weil
er den Eindruck hat, dass ihm jedesmal andere Worte gezeigt werden.
Zum Glück
sind die Techniken zur Überwindung der Desorientierung nicht
schwer zu erlernen. Da sie auf einer Fähigkeit aufbauen, über
die ein Legastheniker bereits verfügt – nämlich
die bildliche Vorstellungskraft – fällt es ihm gewöhnlich
nicht schwer, diese Methoden gleich anzuwenden.
Besonders bei älteren Kindern oder Erwachsenen führt die
Orientierungs-Beratung oft zu dramatischen Veränderungen, sodass
gleich mehrere Grade des Lesevermögens übersprungen werden.
Der Grund dafür liegt darin, dass bei diesen Menschen die Desorientierung
das hauptsächliche Lernhindernis war. Solche Menschen mögen
schon viele Jahre lang betreut werden und über viel Erfahrung
im Legasthenie-Training verfügen – erst das Überwinden
der Desorientierung versetzt sie in die Lage, ihre bisherigen Lern-Erfahrungen
auch erfolgreich anzuwenden. Schneller Fortschritt ist daher nichts
Ungewöhnliches.
Dennoch
beseitigt die Beherrschung der Desorientierung nicht auch gleich
die Legasthenie. Die Beherrschung der Desorientierung bringt lediglich
ein Schlüssel-Symptom der Legasthenie zum Verschwinden, ohne
die tieferen Ursachen beheben zu können. Solange diese Ursachen
nicht erkannt und abgestellt sind, werden auch die Symptome zwangsläufig
immer wiederkehren.
Die Überwindung der Faktoren, die zur Desorientierung führen
Um die
Legasthenie zu beherrschen, reicht es nicht allein aus, die Desorientierung
abzuschalten, denn Desorientierung ist eine Antwort auf Verwirrung,
Frustration und Stress. Beim Lesen kommt es zur Desorientierung
durch die Verwirrung, die Buchstaben und Wörter erzeugen. Solange
diese Verwirrung fortbesteht und kein Bild dafür existiert,
was ein Wort bedeutet, wird ein Legastheniker beim Lesen immer wieder
die Orientierung verlieren.
Für
die Verbesserung des Lesens, Schreibens und Buchstabierens bietet
die Davis-Methode drei grundlegende Schritte an:
•
Beherrschung des Alphabets und der grundlegenden Sprachsymbole.
• Beherrschung der Wörter, für die der Legastheniker
kein Bild hat und die ihm nichts bedeuten.
• Erwerb bestimmter Techniken, die er während des Lesens
anwenden kann.
Keine Verwirrung mehr durch Buchstaben – Das Alphabet
aus Knetmasse
Die
Desorientierung wird oft durch einzelne Buchstaben hervorgerufen,
die vom Schriftbild oder Klang her für den Legastheniker verwirrend
sind. Manche haben Schwierigkeiten, das c
wegen des ähnlichen Schriftbildes vom e
zu unterscheiden. Andere tun sich schwer, das k
und das g oder das t
und das d wegen des ähnlichen
Klanges auseinander zu halten.
Der
erste Schritt, um Legasthenie zu überwinden, besteht deshalb
darin, die Buchstaben des Alphabets aus Knetmasse zu formen. Wir
benutzen Knetmasse, weil sie ein dreidimensionales Medium ist und
man sie kreativ mit den eigenen Händen bearbeiten kann. Wer
Knetbuchstaben formt, betrachtet das Alphabet nicht länger
als etwas Fremdes, sondern als etwas, was man selbst gemacht hat
und daher zu einem gehört.
Indem
wir den Legastheniker dabei beobachten, wie er die Buchstaben formt
und wie er darauf reagiert, die Namen der Buchstaben aufzusagen,
können wir auf die Gründe seiner unvollständigen
Wahrnehmung und Desorientierung stossen. Wir können dann dem
Legastheniker helfen, die Verwirrung zu überwinden, die ein
bestimmter Buchstabe hervorruft.
Der
Beherrschung des Alphabets folgt eine ähnliche Arbeit mit den
Satzzeichen und den Aussprachezeichen. Wenn der Legastheniker alle
Zeichen beherrscht, verfügt er über das Wissen, um mit
dem wichtigsten Lern-Werkzeug für Bild-Denker umgehen zu können:
dem Wörterbuch. Mit seiner Hilfe kann er die Bedeutung der
Wörter auskundschaften.
Den Wörtern Bilder hinzufügen: Die Davis-Symbolbeherrschung®
Am
meisten machen Legasthenikern ganz gewöhnliche Wörter
wie "es" und "von"
zu schaffen. Oft lesen sie ohne Probleme längere Wörter
in einer Geschichte, z.B. "Krokodil",
stolpern aber über das Wort "das".
Weil diese oft unscheinbaren Wörter die Desorientierung auslösen,
nennen wir sie Auslöse-Wörter.
Das
ganze Problem besteht, weil Legastheniker in Bildern denken. Es
ist leicht, sich ein Krokodil vorzustellen, aber versuchen Sie sich
mal ein Bild von „es“,
„des“, „ab“
zu machen.
Wir überwinden dieses Problem mit Hilfe eines Lernprozesses,
den wir Symbolbeherrschung nennen. Nachdem der Legastheniker ein
Wort im Wörterbuch nachgeschlagen und seine Definition mit
einem Helfer besprochen hat, formt er aus Knetmasse sowohl ein Bild,
das die Bedeutung des Wortes exakt wiedergibt, sowie die dazugehörigen
Buchstaben. Dieser Prozess geht weit über multi-sensorische
und phonetische Wahrnehmungsstrategien hinaus, die dem Legastheniker
sonst empfohlen werden, denn er beruht auf einem kreativen Prozess
und hinterlässt ein bleibendes geistiges Bild für ein
spezielles Wort und seine Buchstabenfolge. Auf diese Weise werden
die Wörter wirklich verstanden und die Buchstaben und die Bedeutung
eines Wortes im Langzeitgedächtnis gespeichert, ohne dass ein
Entschlüsseln der Sprachlaute oder ein Auswendiglernen notwendig
sind. Dieser Prozess hindert die Wörter daran, weiterhin Desorientierung
zu stiften.
Im
Deutschen gibt es mehr als 200 Auslöse-Wörter, die es
zu beherrschen gilt. Wenn der Legastheniker diese Wörter beherrscht,
verfügt er über eine brauchbare Ansammlung von Sicht-Wörtern
– das heisst von Wörtern, die in dem Moment, in dem sie
auftauchen, erkannt und verstanden werden. Man braucht nur auf diese
Folie zu schauen, um zu wissen, welch Vorteil dies ist.
Die
Davis-Symbolbeherrschung ist eine Methode, die auf jedes Wort und
jeden Begriff angewendet werden kann. Sie lässt sich auch einsetzen,
um das Vokabular zu einem bestimmten Thema zu meistern. Die Wörter
"polygon" oder "cytoplasma"
lassen sich oft leichter beherrschen als das Wort "durch".
Legastheniker verfügen mit der Davis-Symbolbeherrschung über
eine Methode, um jeden Begriff zu meistern, der im Laufe ihrer Schulzeit
Probleme bereiten könnte.

Drei Stufen zum leichteren Lesen
Wir
benutzen drei verschiedene Techniken, die dem Legastheniker helfen,
flüssig zu lesen und das Gelesene zu begreifen: Buchstabier-Lesen,
Gleiten-Gleiten-Buchstabieren und Bild-am-Satzzeichen. Einem Legastheniker
fällt es schwer, die Wörter Buchstabe für Buchstabe
auszusprechen oder ihnen schrittweise von links nach rechts zu folgen
und sich dabei immer nur auf einen Buchstaben zu konzentrieren.
Als Bild-Denker wollen sie immer gleich das Wort oder den ganzen
Text als Ganzes erfassen. Ihre Probleme mit einer Aussprache Buchstabe
für Buchstabe führen dazu, dass sie einen Grossteil des
schriftlichen Materials nicht verstehen und oft den gleichen Text
wieder und wieder lesen müssen. Mit Hilfe von Buchstabier-Lesen,
Gleiten-Gleiten-Buchstabieren und Bild-am-Satzzeichen lernt der
Legastheniker schnell und bequem – indem er seine natürlichen
Fähigkeiten gebraucht – geschriebenen Wörtern mit
den Augen zu folgen, sie zu entschlüsseln und zu verstehen.
Autorin:
Abigail Marschall
© dda international
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